England

Ein Klassiker der erotischen Literatur – wiederentdeckt

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John Cleland, Fanny Hill

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Neulich stieß ich beim Aufräumen meines Bücherregals auf eine ziemlich angestaubte Ausgabe von „Fanny Hill“ in englischer Sprache. Das Paperback war schon leicht zerfledert, enthielt aber Reproduktionen von William Hogarths Kupferstichen, die Fannys Werdegang bildlich dokumentieren. Direkt daneben stand ein etwas weniger altes deutsches Exemplar, leider ohne Illustrationen. Dieses habe ich noch einmal „kritisch“ gelesen.

„Fanny Hill“ von John Cleland erschien im Jahr 1749. Wegen des obszönen Inhalts waren das Buch und seine Übersetzungen in verschiedenen Ländern lange verboten. In Deutschland darf es unzensiert erst seit 1969 (!) frei verkauft werden.
Formal ist das Buch dem damals populären Briefroman zuzuordnen. In zwei langen fiktiven Briefen schildert Fanny Hill ihre Erlebnisse im Alter von 15-19 Jahren. Adressat ist eine gewisse „Madame“, die aber so sehr im Vagen bleibt, dass man sie als Leser schnell vergisst und den Eindruck hat, eine ganz normale Ich-Erzählung vor sich zu haben, die sich zu einer Romanhandlung entwickelt.

Nach dem Tod ihrer Eltern verlässt Fanny das heimische Liverpool, um in London ihr Glück zu suchen. Dort gerät sie unter die Fittiche einer Kupplerin, die sie in ihrem Freudenhaus an Männer vermittelt. Es folgen Anstellungen in verschiedenen Häusern und Beziehungen zu wohlsituierten Männern. Fanny verliebt sich in einen ihrer Kunden, Karl/Charles, mit dem es schließlich auch ein Happy End gibt.

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Genau genommen handelt es sich bei „Fanny Hill“ um einen monoperspektivischen Briefroman, da kein Briefaustausch stattfindet, sondern uns nur die Aufzeichnungen einer Person vorliegen. Diese Perspektive lässt den Leser unmittelbar an der Gefühls- und Gedankenwelt der Verfasserin Fanny teilhaben.
Wir werden Zeuge, wie Fanny von ihrer Zimmergenossin in die Freuden der Lust eingeführt wird, wie sie durch heimliche Beobachtung lernt und ihre eigenen Erfahrungen macht. Sie findet zunehmend Gefallen an der Sexualität, sogar an ihrer Arbeit. Die Entwicklung vom naiven, unerfahrenen Mädchen zur sinnesfrohen, selbstbewussten jungen Frau, die aus ihren körperlichen Reizen und einer sinnlichen Veranlagung Kapital zuschlagen weiß, ist durchaus differenziert dargestellt. Besonders ihre Empfindungen während des Sexualakts sind subtil beschrieben.
Die männlichen Protagonisten hingegen bleiben insgesamt eher blass. Abgesehen von einer Beschreibung ihrer äußeren Merkmale sind sie meist reduziert auf ihre sexuelle Potenz; selbstverständlich sind sie alle gut bestückt und ausnahmslos bereit und auch in der Lage, ihre Partnerinnen zu befriedigen.
Obwohl das Buch mit einem moralisierenden Ende aufwartet, das die Bedeutung der geistigen Liebe als Grundlage für echte Erotik betont, ist der Inhalt insgesamt sehr frivol und ohne gesellschaftskritischen Anspruch. Eine Sex-Szene folgt auf die andere, mit Sex in allen möglichen Spielarten. Die Lustbefriedigung steht immer im Vordergrund. Gibt es einmal Probleme, ist der (vorgetäuschte) Ohnmachtsanfall ein probates Mittel zur Konfliktlösung.
Die Prostitution wird nicht hinterfragt, vielmehr als erstrebenswertes Gewerbe gepriesen, das neben einer guten Einnahmequelle den Frauen anscheinend ausnahmslos höchstes sexuelles Vergnügen beschert. Mögliche Geschlechtskrankheiten – zur damaligen Zeit sicher ein großes Problem – werden ebenso wenig thematisiert wie ungewollte Schwangerschaften und Verhütung. Fanny erwähnt denn auch eher beiläufig: „Ich war drei Monate schwanger von ihm [Karl] gewesen.“ Mehr erfährt man nicht und kann nur vermuten, dass die Schwangerschaft abgebrochen wurde. Solche Aussparungen mindern die Glaubwürdigkeit von Fannys Bericht.
Clelands Sprache ist ein Spiegel ihrer Zeit und für den modernen Leser etwas gewöhnungsbedürftig. Abgesehen von antiquierten Wörtern wie „Muhme“, „Beinkleider“, „Mannheit“ oder „Gevatterin“ ist es vor allem der verschachtelte, leicht gestelzte Satzbau, der die Lektüre erschwert. Manchmal muss man einen Satz zweimal lesen.
Das Buch ist auch nicht frei von sprachlichen Wiederholungen, besonders bei der Beschreibung des männlichen Geschlechtsteils als „Maschine“, „Instrument“ oder „Speer“. Dabei wirken Formulierungen wie „seine schreckliche Bohrmaschine“, „der aufrührerische Schelm“ oder „sein rotköpfiger Champion“ aus heutiger Sicht oft unfreiwillig komisch. Insgesamt jedoch ist Clelands Stil geprägt von einer ausdrucksstarken Bildsprache mit schönen Metaphern und ungewöhnlichen Vergleichen.
Die erotischen Szenen sind nach heutigen Maßstäben nicht sehr direkt ausgeführt, doch ist es gerade das nur Angedeutete, das die Vorstellungskraft des Lesers anregt.
Vorausgesetzt, man lässt sich auf die etwas sperrige Ausdrucksweise des 18. Jahrhunderts ein und ist bereit, Abstriche bei der psychologischen Glaubhaftigkeit von Handlung und Charakterzeichnung zu machen, wird man diesen frühen Klassiker der erotischen Literatur mit Genuss lesen können.