Die Entzauberung der Bilder

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Erinnerungen auf Papier

Neulich fiel mir ein Fotoalbum in die Hände. Ich meine nicht eines dieser Fotobücher, die man mit seinen Digitalfotos im Drogeriemarkt ausdrucken lassen kann. Nein, ich meine ein richtiges Fotoalbum: aus braunem Leder, die Seiten aus schwarzem Karton, Schwarz-Weiß-Fotos mit gezacktem Rand, sorgfältig eingeklebt oder in Fotoecken steckend, in Schönschrift untertitelt, zwischen den einzelnen Seiten Trennblätter aus Pergament, die beim Umblättern so schön rascheln.

Als die Fotos entstanden, waren Filme noch teuer und für maximal 36 Bilder ausgelegt. Das Fotografieren war daher ein Ereignis, und man fotografierte nur, was wirklich wichtig war: Die Hochzeit, die Taufe, die Kinderkommunion, Geburtstage, der erste Schultag, Reisen usw. Zu den frühen Aufnahmen von mir selbst gehört ein Baby-Akt auf Fell, ein kleinformatiges Foto mit gezacktem Rand, später dann eines, auf dem ich Zahnlücke und eine Schultüte trage. Dieses Bild hatte schon einen glatten Rand. Kurz darauf hielten die ersten Farbfotos Einzug ins Album, die im Laufe der Zeit leider oft einen leichten Braunstich entwickelten. Egal! Der Zauber, den die Schwarz-Weiß-Bilder verströmen, geht den Buntbildern sowieso meist ab.

Etwa ab Beginn der 1970er Jahre wurde das Album nicht weitergeführt. Vermutlich galt so etwas zu der Zeit uncool. Stattdessen landeten Fotografien in einer Blechdose und in ein paar Schuhkartons, vielleicht mit der Absicht, sie später einmal zu sortieren oder einzukleben.

Waren diese ungeordneten Provisorien der analoge Vorläufer unserer Smartphone-Alben?

Digitaler Overkill

Die größte fotografische Revolution der letzten Jahre stellt zweifellos die Digitalfotografie dar, die gepaart mit der Erfindung des Smartphones, eine inflationäre Produktion von Bildern zur Folge hatte. In diesen Alben wird nicht mehr geblättert, sondern gewischt.

Damit einher geht eine neue Art von Narzissmus, eine konstante Selbstbespiegelung, die im Selfie ihren perfekten Ausdruck findet. Zum Selfie gehört es, gut drauf zu sein, am besten in Partystimmung: Die Zähne gebleckt, Augen weit aufgerissen, vorzugsweise leicht bekleidet und mit Glas in der (freien) Hand. Aber sehen wir uns diese Tausende von Bildern, die am ausgestreckten Arm oder mit Selfie-Stick entstanden, eigentlich je wieder an? Tun wir es tatsächlich, kommt schnell Langeweile auf, denn im Grunde sieht ein Bild wie das andere aus. Die digitale Fotografie hat die Beliebigkeit zum Prinzip erhoben.

Milliardenfach schwirren die Selfies im Netz: Fußselfies, Kuss-Selfies, erotische Selfies, spektakuläre z.B. mit gefährlichen Tieren, vor fahrenden Zügen, auf hohen Gebäuden aufgenommen. Ein Sturz aus großer Höhe ist übrigens die häufigste Todesursache bei waghalsigen Selbstporträts. Selbst ein Affe hat ein Selfie geschaffen – das sagt eigentlich schon alles – wobei ein Streit um das Urheberrecht entbrannte.

Dokumentationswut

Aber natürlich fotografieren wir uns nicht nur selbst. Die permanente Verfügbarkeit und der schier unbegrenzte Speicherplatz moderner Geräte führen dazu, dass beinahe reflexhaft alles geknipst wird, was uns vor die Linse kommt. Die Dokumentationswut kennt keine Grenzen mehr. Und das nicht nur bei Promis wie Kim Kardashian, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun scheint, als über Instagram oder Twitter Fotos in die Welt zu schicken. Auch ganz normale Menschen verspüren offensichtlich den Drang, jede noch so banale Kleinigkeit ihres Lebens bildlich zu dokumentieren, zu posten und mit ihren Mitmenschen zu teilen. Im Gegenzug werden ihre Fotos geliked, kommentiert und weiter geteilt.

Viele Leute lichten im Restaurant ihr Essen ab, bevor sie es verputzen. Neulich startete ich ein Experiment. Den Teller beim Griechen mit dem Smartphone fotografiert: Das Motiv eher simpel, rechts ein Berg Fritten, vorne etwas Weißkohlsalat und links zwei Köfte, die aussahen wie überdimensionierte dunkle Hoden. Schnell das Bild über whatsapp mit Freunden geteilt. Innerhalb weniger Minuten hatte ich ca. ein Dutzend Reaktionen, meist in Bildform und ziemlich sinnfrei: ein Topf mit Suppe, ein Teller Spaghetti Carbonara, eine Currywurst mit roter Soße, ein Latte Macchiato mit Herzchen in der Schaumkrone (sehr beliebtes Motiv!) aber auch Botschaften wie ein hochgereckter Daumen, eine Reihe trauriger Smileys sowie die Zuschrift „gemein“. Was will uns das sagen? Dass andere

a) gerade auch beim Essen sind
b) nicht beim Essen sind, aber gerne etwas essen würden
c) mein Essen so toll finden, dass sie neidisch werden

Muss ich das wissen? Ich weiß es nicht. Irgendwann werden wir in der digitalen Flut ertrinken. Aber bevor es soweit ist, poste ich hier auch gleich noch ein Bild von meiner längst verschiedenen Katze, natürlich in schwarz-weiß. Das Tier war sowieso nur grau getigert.

Katze_klein

Tierbilder gehen immer!

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Interview: Erotische Texte schreiben

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Interview mit Greta L. Vox

Das Interview über das Schreiben erotischer Geschichten, das Andreas Hollender seinerzeit mit mir führte und auf seinem damaligen Portal „MreBook“ unter dem Titel „I had the time of my life“ veröffentlichte, ist zwar schon etwas älter, aber immer noch aktuell, finde ich.

Es bedarf allerdings einer kleinen Korrektur:
Die am Ende des Interviews erwähnten geplanten Kurzgeschichten sind längst veröffentlicht: Treppen der Lust, erschienen bei Cupido Books http://cupido-books.com/portfolio-item/treppen-der-lust/
Treppen final

Neue Geschichten sind in Arbeit.

In dem Interview äußere ich mich u.a. zu folgenden Fragen:

-wie schwierig es manchmal ist, die richtigen Worte zu finden
-wieso nicht alle Top-platzierten Erotikbücher gut sind
-weshalb man auch mal gegen den Trend schreiben sollte
-warum nicht nur Jüngere lustvoll agieren können

Lest selbst. Den Rest des Beitrags lesen »

„Leo“ als Schullektüre? Von Sinn und Unsinn des Rankings

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Leo als Schullektüre?

Eines vorweg: Mein Buch „Leo – erotisches Tagebuch“ ist aus gutem Grund erst ab 18 Jahren freigegeben und ist definitiv keine Schullektüre.

Umso erstaunter war ich, als ich bei meinen gelegentlichen Streifzügen über die Lovelybooks Seite „Leo – erotisches Tagebuch“ in der Hitliste der unbeliebtesten Schullektüren antraf. Das Buch belegt dort einen respektablen 227. Platz von insgesamt 232 Plätzen.

Ranking

Auf Platz 1 steht übrigens Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, gefolgt von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ und Goethes „Faust“. Auch sonst sind vor allem die Klassiker vertreten: Schiller, Büchner, Sophokles, Shakespeare, Brecht, Kafka, Frisch, Dürrenmatt usw. Abgestimmt haben immerhin rund 800 User. Den Rest des Beitrags lesen »

Die „Venus“, nicht die von Botticelli, aber mit „Leo“

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Die „Venus“, nicht die von Botticelli, aber mit „Leo“

Auf der Erotikmesse „Venus“ in Berlin gibt’s jetzt auch richtige Bücher zum Thema:

Lesung aus „Leo – Erotisches Tagebuch“

heute, Donnerstag, den 15.10.2015, um 17 Uhr in Halle 18 am Stand von Cupido Books im Séparée

Außerdem gibt’s handsignierte Exemplare meines Buches. Also nichts wie hin!

Leo und Venus

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„Leo“ goes „Venus“

Am Donnerstag, den 15.10.2015 präsentiert sich „Leo – Erotisches Tagebuch“ auf der Erotik-Messe „Venus“ in Berlin.
Mein Verlag, Cupido Books, veranstaltet dort um 17 Uhr eine Lesung aus meinem erotischen Tagebuch, und von mir signierte Print-Exemplare liegen am Messestand zum Kauf bereit.

http://www.venus-berlin.com/venus-programm/
Neon sings of Venus and Mars - vector illustration
Na, ja, es ist zwar nicht die zeitgleich stattfindende Frankfurter Buchmesse, aber dort ist erotische Literatur leider immer noch nicht nennenswert vertreten. Mit Sicherheit findet sich auf der „Venus“ ein aufgeschlossenes Publikum ein. Und überhaupt:

Leo, Cupido und Venus gehören zusammen.

„Cupido“ ist das lateinische Wort für Begierde, Trieb, Leidenschaft, sinnliche Liebe, aber auch für den altrömischen Liebesgott. Manchmal wird er auch Amor genannt.

Amor vincit omnia_Caravaggio

In der bildenden Kunst findet man den Liebesgott meist als kleinen nackten Knaben mit Pfeil und Bogen oder mit Köcher. Oft ist er der Begleiter der Göttin Venus. Mit seinen Pfeilen trifft er mitten ins Herz und erweckt die Liebe. Widerstehen kann man ihm nicht, denn „Omnia vincit Amor“ („die Liebe besiegt alles“).

Manchmal wird Cupido auch blind dargestellt. Darum legt Shakespeare seiner Heldin Helena aus dem „Sommernachtstraum“ auch folgende Worte in den Mund:

„Die Liebe sieht nicht, sondern träumt und sinnt, drum malt man den geflügelten Amor blind.“

Wer kennt das nicht?

7/8 Hosen und andere Sünden

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Es ist komisch. Sobald die Temperaturen steigen, fallen anscheinend die Grenzen des guten Geschmacks. Zumindest in modischer Hinsicht. Das gilt auch für solche Menschen, die im Rest des Jahres durchaus gut gekleidet sind.

Ganz oben in der Hitparade der schlimmsten Modesünden stehen für mich zwei Varianten der sogenannten Caprihose, die erstmals in den 1950er Jahren als etwas skandalöser Modehit von sich reden machte. Ich weiß nicht warum, aber damals sahen die Hosen einfach besser aus. Vielleicht lag es an den berühmten Trägerinnen wie z.B. Audrey Hepburn, Marilyn Monroe oder Sophia Loren.

Heute wird die Caprihose, deren Saum bekanntlich über dem Fußknöchel endet, gerne als 7/8 Hose bezeichnet. Die Kurzvariante reicht bis knapp über das Knie und nennt sich 3/4 Hose. Ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht so ganz. Ich dachte immer, 3/4 würde 6/8 entsprechen, nicht 7/8. Aber in Bruchrechnung und folglich auch im Kürzen von Brüchen war ich noch nie gut . Den Rest des Beitrags lesen »

Was kann ich für Sie tun, junge Frau?

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Was kann ich für Sie tun, junge Frau?

Diese oder ähnliche Fragen werden seit einiger Zeit an mich adressiert. Zunächst freute ich mich über das – wie ich meinte –schöne Kompliment. Dann versuchte ich mich zu erinnern, wann genau mir das jemand erstmalig gesagt hatte. Bestimmt nicht, als ich wirklich noch jung war. Ich meinte mich zu entsinnen, dass ich schon die 50 überschritten haben musste. Fortan spitzte ich die Ohren. Tatsächlich! Man nennt mich „junge Frau“, aber warum nur, wo ich doch offensichtlich nicht mehr so ganz taufrisch bin. Soll das verkaufsfördernd wirken? Soll das der Versuch sein, einer reifen Frau noch mal was Nettes zu sagen? Ist das dem Jugendwahn geschuldet, der nur noch junge Menschen als interessant und begehrenswert empfindet.

VictoriasSecret
Kürzlich war ich zu Besuch bei meiner Tochter in den USA. Hier wurden wir mit „Hi guys, how are you today?“ oder „How’re you doing?“ begrüßt, Floskeln, auf die sowieso niemand eine Antwort erwartet. Erstaunlich, aber ausgerechnet hier, im Land der aufgesetzten Freundlichkeit, wartete ich vergeblich auf ein „young lady“. So wurde völlig zu Recht nur meine Tochter angesprochen. Ich hörte bestenfalls „What can I do for you, love?“ Immerhin fragte man mich manchmal nach meinem Namen, der dann auf ein Zettelchen gekritzelt wurde, wo auch der Name der Verkäuferin notiert war. So erfuhr ich, dass meine ganz persönliche Verkäuferin Deborah, Oprah oder so ähnlich heißt. Gut zu wissen.

Auch im Diner wurde uns der Buchweizen-Pancake nicht nur mit Blaubeeren, sondern auch mit ausgesuchter Höflichkeit serviert. Die Bedienungen trugen Namen von wahrhaft Shakespeare’scher Dimension wie Portia oder Ophelia und immer ein „enjoy“ auf den Lippen. Fehlte nur noch eine Kellnerin namens Hippolyta oder Goneril. Stattdessen war eine quasi-Namensvetterin von mir dabei. Gretchen, gesprochen Grättschen, was für deutsche Ohren ein wenig wie „Frettchen“ klingt.

Am letzten Tag meines USA Aufenthalts dann die Überraschung: Beim Betreten eines Geschäfts stürzte sich eine Verkäuferin auf mich mit den Worten: „What can I do for you, lovely?“.

Also alles wie gehabt. Immerhin nicht „young lady“!