Musik + Tanz

Das Karussell wird sich weiterdreh’n

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Das Karussell wird sich weiterdreh’n

Kennt ihr das? Man hört im Radio oder im Vorrübergehen einen Song und man hat das Gefühl: Alles passt. Das mag ein Sommerhit sein, der noch Jahrzehnte später in uns ein bestimmtes Lebensgefühl auslösen kann. Bei mir ist das Mungo Jerrys „In the Summertime“ (von 1970), aber auch „Lambada“ (1989)oder „Mambo Nr. 5“ von Lou Bega. (1999)

Je älter ich werde, desto öfter ertappe ich mich bei Merkwürdigem. Ich höre beispielsweise Helene Fischer singen:

„Lasst uns versprechen, auf Biegen und Brechen, wir feiern die Schwächen! Wer ist schon fehlerfrei?“

Wozu mir früher nur „Reim dich oder ich fress dich“ eingefallen wäre, denke ich heute: stimmt eigentlich!
Seit einiger Zeit höre ich selbst bei deutschem Liedgut genauer hin, etwas, das ich früher nie freiwillig getan hätte. Nun gibt es ja gottseidank mittlerweile auch sehr gute deutsche Texte. Viel Spaß bereitet haben mir letztes Jahr die Ärzte mit „Männer & Frauen“. Sehr schön, wie sie da „Von Brusthaartoupet bis Botoxmaske“ und „frisch gestrichenen Damen auf der Tanzfläche“ singen. Ganz besonders gefällt mir die Passage:

„Sie liegen schon mittags in den Büschen, nachts kann man kaum noch durch den Stadtpark gehen. Romantische Schwärmer nennen es Liebe (ich würde sagen), hier kann man Hormone bei der Arbeit sehen.“

Auch die Songzeile von Ich + Ich „Du bist vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hören“ scheint nur auf den ersten Blick sinnfrei. Jeder, der schon einmal verliebt beim engen Tanz dem Herzschlag seines Partners gelauscht hat, weiß: So macht alles Sinn.

Neulich habe ich zu „Applaus, Applaus“ von den Sportfreunden Stiller Rumba getanzt.

„Mein Herz geht auf, wenn du lachst. Applaus, Applaus für deine Art mich zu begeistern, hör niemals damit auf. Ich wünsch mir so sehr, du hörst niemals damit auf. Ist meine Erde eine Scheibe, machst du sie wieder rund.“
Ja, ganz genau, denke ich! Es gibt einen Menschen, der das bei mir geschafft hat.

Adel Tawil treibt die vermeintliche Sinnlosigkeit der Songtexte auf die Spitze. “Ich ging wie ein Ägypter, hab mit Tauben geweint“, beginnt sein Hit „Lieder“. Was für ein Unsinn, dachte ich, als ich das Lied zum ersten Mal hörte, bis ich merkte, dass der Interpret seinen Song ganz bewusst als musikalisches Puzzle angelegt hat. In den beiden ersten Zeilen ist beispielsweise „Walk like an Egyptian“ von den Bangles und „When Doves Cry“ von Prince versteckt. Jede weitere Zeile hat einen Bezug zu Songs, die Adel in seinem Leben wichtig waren, liest man. Eine schöne Idee, für die ich mich auch erwärmen könnte. Nur kann ich leider überhaupt nicht singen. So begnüge ich mich damit, neuerdings zu Pharell Williams‘ Hit „Happy“ durch die Küche zu tanzen. Den Refrain übersetzt man besser nicht ins Deutsche:

“Clap along if you feel like a room without a roof because I’m happy .”

Immer noch liebe ich die Metapher vom Karussell. Schon Andrea Berg wusste: „Das Karussell wird sich weiter dreh’n, auch wenn wir auseinander geh‘n.“ (Wie wahr!) Und seit einiger Zeit hört man Christina Stürmer singen:
„Es fährt im Kopf ein Karussell und alles dreht sich irgendwie zu schnell.“
Am schönsten drückt es jedoch Rihanna aus, finde ich: „Round and around and around and around we go“. Und einige Zeilen später:

“Something in the way you move makes me feel like I can’t live without you. It takes me all the way, I want you to stay … Stay …“

Das kann ich bedingungslos unterschreiben.

Mehr von Popsongs, Lust und Liebe in „Leo – Erotisches Tagebuch“.

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„How deep is your love“ oder wie ich meine Liebe zu den Bee Gees wiederentdeckte

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Disco

1967 traten die Bee Gees in mein Leben. Ich war 14 Jahre alt und sehr an Pop Musik interessiert, damals sagte man Beatmusik, meine Großmutter sprach von Negermusik. Es gab noch keine MP3-Player, keine CDs, keine iTunes. Alles, was ich besaß, war ein schneeweißes Radio und ein Tonbandgerät mit unhandlichen Spulen, das mein Onkel ausrangiert und mir überlassen hatte. Sonntags hing ich vor dem Radio und versuchte, mittels eines Hand-Mikrophons die Hitparade aufzunehmen. Wenn im entscheidenden Moment meine Mutter ins Zimmer kam oder draußen ein Krankenwagen mit Sirenengeheul vorbeifuhr, war die Aufnahme verdorben. Zu Weihnachten wünschte ich mir einen Plattenspieler und bekam tatsächlich einen der Marke Dual mit Zehnplattenwechsler.

Ab jetzt gab ich mein bescheidenes Taschengeld für Vinyl-Singles aus. Stundenlang saß ich mit meiner Freundin in meinem Zimmer, wo wir unsere bescheidene Plattensammlung rauf und runter dudelten. Dabei träumten wir von den Popgrößen, die als Bravo-Poster an den Wänden verewigt waren. Seit einiger Zeit machten drei Brüder namens Robin, Maurice und Barry Gibb, die in jungen Jahren aus England nach Australien ausgewandert waren, von sich reden. Sie nannten sich die Bee Gees und hatten in Deutschland – soweit ich mich erinnere – erstmals 1967 einen Hit mit New York Mining Disaster 1941. Es folgten To Love Somebody und Massachusetts. Ich glaube, den Text kann ich heute noch auswendig. Die Stimmen der Bee Gees klangen zwar ein wenig wie die einer meckernden Ziege, fanden wir, aber das machte nichts. Auf Feten, die damals hauptsächlich im Partykeller von jemandes Eltern stattfanden, wurden die Songs der Bee Gees gerne gespielt, vermutlich weil sie erste Knutschversuche beim Klammer-Blues ermöglichten. Ich habe den Verdacht, dass die Jungs ihre Musik einzig deshalb tolerierten. Den Rest des Beitrags lesen »