Interview: Erotische Texte schreiben

Gepostet am Aktualisiert am

Interview mit Greta L. Vox

Das Interview über das Schreiben erotischer Geschichten, das Andreas Hollender seinerzeit mit mir führte und auf seinem damaligen Portal „MreBook“ unter dem Titel „I had the time of my life“ veröffentlichte, ist zwar schon etwas älter, aber immer noch aktuell, finde ich.

Es bedarf allerdings einer kleinen Korrektur:
Die am Ende des Interviews erwähnten geplanten Kurzgeschichten sind längst veröffentlicht: Treppen der Lust, erschienen bei Cupido Books http://cupido-books.com/portfolio-item/treppen-der-lust/
Treppen final

Neue Geschichten sind in Arbeit.

In dem Interview äußere ich mich u.a. zu folgenden Fragen:

-wie schwierig es manchmal ist, die richtigen Worte zu finden
-wieso nicht alle Top-platzierten Erotikbücher gut sind
-weshalb man auch mal gegen den Trend schreiben sollte
-warum nicht nur Jüngere lustvoll agieren können

Lest selbst.

Mr. eBook: Wie bist Du dazu gekommen, im Bereich Erotik zu schreiben und welchen Teil des Genres behandelst Du in Deinen Büchern?

Greta Vox: Ich habe schon immer gerne gute, niveauvolle Erotikbücher gelesen, früher meist Klassiker, in jüngerer Zeit auch eBooks von unbekannteren Autoren auf dem Kindle. Es hat mich einfach gereizt, mich einmal selbst an so etwas zu versuchen, indem ich meine Fantasien und Erlebnisse in Worte fasse. Und ich gebe zu, es ärgert mich zunehmend, was in den amazon-Listen unter Romane & Erzählungen als Erotik geführt wird und sich oft sogar auf den vordersten Plätzen der Charts tummelt. In manchen dieser Bücher wird der Ekelfaktor immer weiter ausgereizt, und sie überschreiten die Grenze zur platten Pornografie bei weitem. Nicht, dass ich etwas gegen Pornografie hätte. Diese Werke haben durchaus ihre Berechtigung, dann aber bitte bei den entsprechenden Plattformen und Verteilern.

Hinzu kam, dass ich das noch relativ junge Medium eBook interessant finde und gerne ausprobieren wollte. Vor allem aber habe ich in meinem Erotischen Tagebuch „LEO“ sehr aufregende eigene Erlebnisse verarbeiten können. Und da ich nun einmal nicht mehr ganz taufrisch bin, ist es ein Buch geworden, in dem Menschen jenseits der 50 lustvollen Sex miteinander haben. Das mag manche überraschen, aber ich glaube, wir müssen uns in Zukunft darauf einstellen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Leute immer länger vital und sexuell aktiv sind. Meines Wissens ist dieser Aspekt in der Erotik bisher fast völlig vernachlässigt worden. Es wäre ein Leichtes gewesen, Leo und Greta gut 20 Jahre jünger zu machen, wie man es mir ursprünglich geraten hatte. Im Nachhinein bin ich froh, dieser Versuchung widerstanden zu haben. Wer weiß, vielleicht habe ich auf diese Weise sogar eine Nische auf dem Erotikmarkt gefunden.

Mr. eBook: Wie schaffst Du es, Dich von minderwertigen Büchern abzusetzen und das sehr heikle Thema seriös anzugehen?

Greta Vox: Meiner Meinung nach sind viele der eben angesprochenen Bücher einfach „mit der heißen Nadel“ gestrickt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass heutzutage jeder vergleichsweise schnell ein eBook hochladen kann. Hier ist das self-publishing Fluch und Segen zugleich. Oft sprechen bereits die Buchtitel oder die Cover Bände. Ich nenne hier lieber keine Beispiele. Wenn man dann beim Blick ins Buch schon in den ersten Sätzen Rechtschreib-, Komma- oder Grammatikfehler entdeckt, ist das m. M. auch nicht gerade ein Gütekriterium. Offenbar scheren sich manche Autoren keinen Deut um Sprachrichtigkeit, geschweige so etwas wie Stil, ob aus Unvermögen oder weil es ihnen nicht wichtig ist, vermag ich nicht zu sagen. Dabei gibt es auch in Deutschland durchaus eine Reihe von Autoren/Innen, die sehr hochwertige Erotikbücher mit schöner Sprache und stimmigen Geschichten schreiben, oft aber leider nicht die verdienten Plätze im Ranking erreichen.

Im Augenblick schwimmen mir auch immer noch zu viele Erotikbücher im Fahrwasser von „Shades of Grey“ – oder versuchen es zumindest. Das fängt an bei den Protagonisten, die alle jung, makellos und spätestens mit 30 natürlich schon Millionär sind, geht über die Sub-Dom Thematik bis hin zur Gestaltung des Covers und Anlehnungen bei der Titelwahl. Manchmal frage ich mich, ob wirklich in den Beziehungen zwischen Mann und Frau so viel gefesselt, gepeitscht und anderweitig gequält wird, wie diese Bücher suggerieren. Das soll natürlich nicht heißen, dass alle Bücher, die diese Aspekte aufgreifen, schlecht sind. Mir fällt nur diese Tendenz auf, und auch von diesem Trend wollte ich mich ganz bewusst absetzen.

Mr. eBook: Auf was müssen Erotik-Autoren besonders achten?

Greta Vox: Im Wesentlichen müssen Erotik-Autoren keine anderen Fähigkeiten haben als Verfasser anderer „Literatur“. Hinzu kommen natürlich die Genre-typischen Elemente. Ein Fantasy-Roman oder ein Krimi schreibt und liest sich nun mal anders als ein erotischer Roman.
Mir ist es wichtig, eine gewisse Sorgfalt walten zu lassen. In meinem Buch habe ich meine Worte sehr bewusst gewählt, mich bemüht, im Satzbau zu variieren, stilistische Wiederholungen zu vermeiden und vor allem Worte zu finden, die Bilder im Kopf des Lesers entstehen lassen. Natürlich vor allem Unanständige! Bekanntlich liegt das größte Sexualorgan des Menschen ja zwischen den Ohren. Einige meiner Leser haben mir vorgehalten, meine Sprache sei zu derb, einer sogar mit dem etwas befremdlichen Hinweis „Die sind doch schon älter!“, womit wir wieder beim Thema Alter wären. Manche Ausdrücke in meinem Buch sind sicher gewöhnungsbedürftig, vielleicht auch schockierend, aber wenn man genau hinschaut, werden sie situationsgerecht eingesetzt und in eine entsprechende Handlung oder Fantasie eingebunden. Dann ist das gerechtfertigt, finde ich. Und zwischen zwei Menschen, die viel füreinander empfinden, ist doch beim Sex (fast) alles erlaubt, auch einvernehmlich eine etwas deftigere Sprache zu pflegen.

Aber mein Hauptanliegen ist und bleibt es, anspruchsvollere Erotik für Leser mit einem gewissen Niveau zu schreiben. Dazu gehören für mich ein guter Schreibstil (trotz obszöner Wörter), Fantasie, eine nachvollziehbare Handlung und glaubhafte Charaktere. Ich bin überzeugt, dass sich langfristig auch im Bereich Erotik Qualität durchsetzen wird.

Mr. eBook: Die Helden Deiner Geschichten entsprechen nicht den Traumidealen, wie man sich Figuren in einem Erotikbuch vorstellt. Da darf dann auch schon mal ein kleiner Bauchansatz dabei sein und der nicht mehr ganz so junge Herr von nebenan. Was hat Dich dazu bewogen, hier völlig anders zu sein, als die Masse?

Greta Vox: Zum einen will ich mich ja von dem Trend, dass Helden in Erotikbüchern jung und äußerlich vollkommen zu sein haben, ganz bewusst absetzen. Zum anderen möchte ich auch gerade Frauen Mut machen, z.B. zu ihren Falten und Fettpölsterchen zu stehen und ihre Sexualität auszuleben. Ich bin sicher, dass letztendlich auch Männer davon profitieren, wenn Frauen nicht perfekt daher kommen. Das nimmt den Druck, selbst immer potent und als perfekter Liebhaber auftreten zu müssen. Und viele so genannte reifere Frauen stimmen mit mir überein, dass sie ab einem gewissen Alter viel freier, hemmungsloser und experimentierfreudiger geworden sind als in jungen Jahren. Auch das müsste Männern doch gefallen. Vielleicht sollten wir uns auch gerade auf dem Gebiet der Sexualität nicht so ernst nehmen und uns ruhig einmal selbstironisch mit unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten auseinandersetzen.

Mr. eBook: Lass uns doch noch einen Blick auf Dein neuestes Projekt werfen. Worüber schreibst Du gerade und wie bist Du auf diese Geschichte gekommen?

Greta Vox: Ich plane, eine Sammlung von erotischen Kurzgeschichten herauszubringen, habe aber erst eine Geschichte fertig und einen Titel im Kopf. Und wie so oft schreibt das Leben die besten Geschichten. So viel sei verraten: Wahrscheinlich werden es vier Geschichten, die alle ein verbindendes Element haben. Meine Helden werden sicher auch diesmal nicht mehr so ganz jung sein und auch sonst nicht den gängigen Klischees entsprechen. Warum auch? Schließlich habe ich mit fast 60 Jahren die aufregendste Zeit meines Lebens erlebt, sodass ich am Ende meines Buches mit Fug und Recht schreiben konnte: „I had the time of my life“. Ist das nicht auch eine vielversprechende Perspektive für Jüngere, die ihnen vielleicht etwas die Angst vor dem Altern nimmt? Das hoffe ich jedenfalls.

Hier geht’s zur Kindle-Edition des erwähnten Buches bei Amazon

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