„Leo“ als Schullektüre? Von Sinn und Unsinn des Rankings

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Leo als Schullektüre?

Eines vorweg: Mein Buch „Leo – erotisches Tagebuch“ ist aus gutem Grund erst ab 18 Jahren freigegeben und ist definitiv keine Schullektüre.

Umso erstaunter war ich, als ich bei meinen gelegentlichen Streifzügen über die Lovelybooks Seite „Leo – erotisches Tagebuch“ in der Hitliste der unbeliebtesten Schullektüren antraf. Das Buch belegt dort einen respektablen 227. Platz von insgesamt 232 Plätzen.

Ranking

Auf Platz 1 steht übrigens Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, gefolgt von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ und Goethes „Faust“. Auch sonst sind vor allem die Klassiker vertreten: Schiller, Büchner, Sophokles, Shakespeare, Brecht, Kafka, Frisch, Dürrenmatt usw. Abgestimmt haben immerhin rund 800 User.
Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie eine erotische Lektüre in diese Hitliste kommt. „Leo“ ist denn hier auch der einzige Vertreter des Genres Erotik. Vermutlich hat sich da jemand einen Scherz erlaubt. Vielleicht hat auch jemand die Schreibfeder auf dem Cover falsch interpretiert. Oder habe ich noch nicht mitbekommen, was heutzutage im Unterricht gelehrt wird?

Früher gab es die gute alte Hitparade mit den Top Ten der gerade aktuellen Popsongs. Ich habe den Verdacht, dass sie die Keimzelle allen Übels war. Gut, Bücherlisten wie „Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“, „Die besten Jugendbücher“, „Die besten Kriminalromane“ usw. gibt es auch schon lange, ebenso Ranglisten wie „Die erfolgreichsten deutschen Schlager“ oder „Die besten/schlechtesten Filme aller Zeiten“. Doch zunehmend habe ich den Eindruck, dass die Welt nur noch in Form irgendwelcher Rankings und Hitlisten sortiert ist.

Gerade im deutschen Fernsehen treibt der Listenwahn mittlerweile seltsame Blüten: „Die spektakulärsten Rücktritte“, „Die dümmsten Autofahrer“, „Die lustigsten Promenadenmischungen“, „Die 10 beliebtesten James-Bond-Songs aller Zeiten“, „Die beliebtesten Talsperren in NRW“, „Hessens spannendste Brücken“. Wer will denn so was wissen, frage ich mich.

Von der Ranking-Seuche infiziert sind auch die derzeit so erfolgreichen Pflichtprogramme nach dem Schema: „100 Dinge, die du getan haben musst, bevor du 18 bist/50 bist/den Löffel abgibst“. Diese zwischen zwei Buchdeckel gepressten to-do-Listen können einen ganz schön unter Druck setzen.

Bei Buchautoren besonders beachtet und gefürchtet sind die Rankings von Amazon. Niemand weiß genau, wie die stündlich aktualisierten Amazon Bestseller-Ränge zustande kommen, denn natürlich lässt sich Amazon bei den benutzten Algorithmen nicht in die Karten schauen. Zahlreiche Mythen ranken sich deshalb um diese Charts. Immer wieder machen Verschwörungstheorien die Runde. Wie kann beispielsweise ein Buch, das an einem Tag kein einziges Mal verkauft wurde, trotzdem in der Rangliste nach oben klettern?

Doch zurück zu der Platzierung von „Leo“ bei Lovelybooks: Was mich versöhnt, ist die Tatsache, dass ich in der Liste der unbeliebtesten Schullektüren so gut wie kein schlechtes Buch entdecken konnte und ich offensichtlich in guter Gesellschaft bin – Goethe, Schiller usw.

Aber das Ganze macht deutlich, was von solchen Abstimmungslisten zu halten ist. Nämlich so gut wie gar nichts, besteht doch immer die Gefahr, dass Freund oder Feind da mitmischen. Selbst bei der ZDF-Rankingshow „Deutschlands Beste“ wurde ja bekanntermaßen geschummelt. Es existiert sogar eine Zusammenfassung der absurdesten Manipulationen bei Online-Abstimmungen, natürlich – wie könnte es anders sein – präsentiert in einem Ranking. Man kann seine Zeit definitiv sinnvoller nutzen, als sich mit irgendwelchen Abstimmungen zu beschäftigen, z.B. mit dem Lesen eines guten Buches.

Bei Lovelybooks gibt es einen Menupunkt „Neue Bücherliste einreichen“. Ich überlege, ob ich da nicht mal so was vorschlage wie: „Die dämlichsten Bücherlisten aller Zeiten“.

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