Wir haben für Sie geöffnet

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Wir haben für Sie geöffnet

Geöffnet

Früher ist mir das nicht aufgefallen. Ich meine die Sitzmöbel, die überall in den Kaufhäusern oder in den größeren Bekleidungshäusern herumstehen: Tiefe Kunstledersessel, die im Sommer so eklig am nackten Oberschenkel kleben, wenn man aufsteht, oder auch Sofas aus dem gleichen Material.

Jedenfalls sind diese Sitzgelegenheiten fast ausnahmslos von Männern besetzt. Von wartenden Männern. Während ihre Frauen zwischen den Kleiderständern herumstreunen oder in Kabinen „schnell“ mal was überziehen, sind die sie begleitenden Männer strategisch auf diversen Sitzmöbeln verteilt. Strategisch deshalb, weil sie nah genug bei den Kleidungsstücken sind, um noch alles im Blick zu haben, aber entfernt genug, um ihre Ruhe zu haben. Die meisten dieser Männer blättern in Zeitungen oder Zeitschriften oder – dem Handy sei Dank – daddeln auf ihrem Telefongerät herum. Vielleicht simsen sie auch, lösen Sudokus oder betrachten schweinische Bilder und Filmchen auf ihrem Iphone. Ab und zu unterbrechen sie notgedrungen diese Tätigkeiten. Wenn zum Beispiel die Gattin aus der Kabine tritt und begleitet durch eifriges Heranwinken ruft: „Guck doch mal, wie findest du das?“ Aus den Tiefen der Polstermöbel ertönt gebrummelte Zustimmung oder auch Ablehnung. Dann könnte es spannend werden, denn eigentlich will eine Frau in diesem Moment keine ehrliche Meinung hören. Das hätte das Potential zu einem fiesen Streit, aber meist bleibt es bei einem zugeraunten bewusst mehrdeutig gehaltenem „hmm“, das nur eines signalisiert: Lass mich doch hier in Ruhe sitzen.

Irgendwie fühle ich mich dabei an einen alten Sketch von Loriot erinnert, in dem ein Mann ständig von seiner Ehefrau mit Fragen, Vorwürfen und Vorschlägen gepiesackt wird, während er erklärt: „Ich möchte einfach hier sitzen.“ Schließlich verliert er die Geduld und brüllt seine Frau an. Auf einen solchen Moment warte ich in den Kaufhäusern bisher leider vergeblich! http://www.youtube.com/watch?v=AxQ7oqOTXlI

Manchmal schlendere ich nur durch gewisse Verkaufsetagen, um Leute zu beobachten, bevorzugt die gelangweilten Männer. Der Slogan „Wir haben heute für Sie geöffnet“ scheint nicht nur mich anzuziehen. Am Verkaufsoffenen Sonntag oder beim so genannten Latenight Shopping mit vielen tollen Schnäppchen (z.B. beim Kauf von 3 BHs der Marke xxx erhalten Sie einen String gratis) sind wirklich alle Sitzgelegenheiten von Männerhintern belegt.

Bei meinen Streifzügen werde ich meistens schnell von einer Verkäuferin aufgespürt, die fragt: „Sie kommen zurecht?“ Was ist das denn für eine Frage? Natürlich komme ich zurecht, oder sehe ich bereits so klapprig aus, dass man mir Hilfe anbieten müsste? Ich murmele etwas von: „Ich wollte mich nur mal umschauen“, was ja auch stimmt, und gehe schnell weiter, bis ich das nächste Beobachtungsobjekt gefunden habe.

Interessant ist es immer in dem Abschnitt der Verkaufsräume, wo sich die Umkleidekabinen befinden. Von dort dringen einkaufstypische Gespräche nach draußen: „Gibt’s das auch noch in einer anderen Größe?“ oder:
„Die Farbe steht Ihnen aber gut“. „Meinen Sie, ich kann das noch tragen?“ „Also, wenn jemand das tragen kann, dann Sie.“
Spätestens dann weiß ich, dass sich in der Kabine eine Dame befindet, die wirklich nicht mehr alles tragen sollte.

Zugegeben, die Spiegel in den Umkleiden sind meist alles andere als schmeichelnd, und man benötigt wirklich den Rat und die Überzeugungskraft einer Verkäuferin. Ich frage mich, warum zum Teufel man in diesen Spiegeln immer so schrecklich aussieht: fahl und faltig, knubbelig und großporig. Vor einiger Zeit hatte ich ein Schlüsselerlebnis oder besser gesagt ein Spiegelerlebnis in einer dieser Umkleiden. Von nebenan hörte ich plötzlich eine fragende Stimme: „Sehen Sie auch so beschissen in diesem Spiegel aus?“ Ich konnte der unbekannten Nachbarin nur zustimmen. Als die Besitzerin der Stimme dann den Vorhang zurückzog, war ich überrascht, auf eine schöne, junge Frau zu treffen. Diese Spiegel schaffen es tatsächlich, selbst den schönsten Menschen alt und hässlich aussehen zu lassen.

Doch zurück zu meinen Einkaufsbeobachtungen. Natürlich gibt es auch die Spezies des männlichen Einkaufs-Begleiters, die sich nicht auf die Sitzmöbel traut und stattdessen lieber geduldig neben irgendwelchen Kleiderständern stehend verbringt, während die Frau selbige durchwühlt. Anders als bei den Stuhl-Besetzern sieht man diesen Männern förmlich an, wie sie leiden. Daher sind sie für jede Art von Abwechslung dankbar und oft einem kleinen Augenflirt nicht abgeneigt. Spätestens wenn es ans Bezahlen geht, müssen die Männer aktiv werden, ob nun eben noch auf Stuhl oder im Gang. Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe und dem Flirten.

Wenn ich mich dann in Nähe der Kasse herum treibe, höre ich die Frage, bei der ich am liebsten ausrasten möchte: „Haben sie eine Payback-Karte?“ Manchmal ist das Plastik-Ding begrifflich auch als harmlos daher kommende Kundenkarte getarnt, aber egal, mit beiden lässt sich’s wunderbar Kunden ausspähen. Noch besser geht das natürlich, wenn Sie mittels App und QR-Code zahlen. Bei den meisten Lebensmittelketten gibt es Treueherzchen – auch so ein Unwort – aber immerhin noch ohne eingebaute Spähvorrichtung. Die Treue, die man durch eifriges Sammeln von irgendwelchen Herzchen oder Pünktchen dokumentiert, wird meiner Meinung nach höchst schändlich belohnt, indem man sie nach Erreichen einer bestimmten Punktzahl gegen überflüssiges Zeugs eintauschen darf.

Zum Schluss noch ein Vorschlag: Warum investieren die Geschäfte nicht lieber in ordentliche Spiegel und Lichtanlagen, die der äußeren Erscheinung ein wenig schmeicheln. Das Geld hierfür könnte dann vielleicht an den Sitzmöbeln eingespart werden.

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Ein Kommentar zu „Wir haben für Sie geöffnet

    Regine sagte:
    15. November 2014 um 4:35 pm

    Oh, ich liebe es, wenn bequeme (!) Sitzmöbel vor den Umkleidekabinen stehen! Da warte ich gleich doppelt so gerne auf meine Tochter …. 😉
    Ist allerdings leider (!) immer noch die Ausnahme.
    UND: Ich plädiere für Tischkicker oder Billard-Tische – ja, für „mitgeschleifte“ Männer; dann macht denen das Warten auf Ihre Partnerinnen endlich wieder Spaß; und Frau braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es mal wieder länger dauert ….

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