Sonnenanbeterin

Gepostet am

Unter der Sonne Kaliforniens und andere Torheiten

Liegestuhl

Welcher Hauttyp sind Sie – blass oder eher dunkel?
Welcher Teint ist gerade angesagt?
Welchen Lichtschutzfaktor hat mein Sonnenöl?

Fragen über Fragen, die die Welt bewegen.

Es gab Zeiten, da war eine vornehme Blässe sehr in Mode und galt zumindest in unseren Breiten als Zeichen von Schönheit. Bis ins späte 18. Jahrhundert war bleiche Haut schon deshalb erstrebenswert, weil sie die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite ausdrückte, die nicht gezwungen war, körperlicher Arbeit im Freien nachzugehen. Auch in den 1920er Jahren war Blässe noch angesagt. Später im 20. Jahrhundert ging der Trend dann zunehmend in die andere Richtung. Bräune signalisiert: Neben der Arbeit im Büro oder in der Fabrik habe ich noch genügend Zeit, mich in die Sonne zu legen.

Der Hautton ist somit immer auch ein Gradmesser gesellschaftlicher Entwicklungen und Modeerscheinungen. Für viele Asiaten und Afrikaner ist heutzutage helle Haut ein Symbol für Wohlstand und Schönheit. Bleichcremes, die die Haut aufhellen sollen, finden in den entsprechenden Ländern reißenden Absatz.

Zu der Zeit, als ich den Charme gebräunter Haut entdeckte, redete noch niemand von Ozonloch, gefährlicher UV-Strahlung, Lichtschutzfaktor oder malignem Melanom. Gelegentlicher Sonnenbrand wurde mit Wasser gekühlt oder mit der Creme aus der bekannten blauen Dose. Ich bin schon immer mehr als unvernünftig gewesen, wenn es ums Bräunen geht. Während eines längeren Auslandsaufenthalts in den 1980er Jahren brutzelte ich fröhlich Stunden lang unter kalifornischer Sonne. Immer schön eine halbe Stunde auf dem Bauch, eine halbe Stunde auf dem Rücken, manchmal auch in unbequemer Seitenlage, damit die Flanken auch etwas ab bekamen. Ich wunderte mich über ein paar meiner Nachbarn in Los Angeles, die damals schon selbst zum Müllraustragen dick Sonnencreme auftrugen.
Heute weiß ich, wie weitsichtig sie waren. Denn heute wissen wir: Sonne ist ungesund und macht alt. Die Haut vergisst nicht, sagt man. Falten und Altersflecken sind die Strafe für zu langes Sonnenbaden.

Aber macht Sonne nicht auch die Seele froh? Nicht umsonst propagieren Ärzte neuerdings die Einnahme des „Sonnenvitamins D“ als Stimmungsaufheller in den trüben Wintermonaten. Eine Zeit lang warben auch Solarien mit den Glückshormonen, die angeblich von der künstlichen Sonne in der Röhre freigesetzt werden.

Eine Sonnenbank habe ich ausprobiert, aber da ich nicht verbrannt aussehen wollte, hätte ich dauernd kurze Einheiten nehmen müssen. Das war mir zu lästig, die durchsichtigen Platten, auf denen man liegt, zu hart, die Röhren zu eng und das Ergebnis zu unbefriedigend. Ich hatte am Hinterteil eine kreisrunde Stelle, die einfach nicht bräunen wollte. (Wahrscheinlich habe ich falsch gelegen) Auch die von den Sonnenstudios angepriesene Vorbräunung für den Urlaub erwies sich als Mär. Also wieder ab ins Freibad, wo es auch viel schöner ist. Hier kann man die Auswüchse übertriebener Sonnenanbetung bewundern: Dunkelbraun gebrutzelte Körper, die an verkohlte Brathähnchen erinnern. Sie sehen zwar knusprig aus, aber leider nicht zum Anbeißen.

So möchte ich natürlich nicht herum laufen, aber ich werde weiter in der Sonne liegen, zwar mit Sonnencreme eingerieben, aber gerade mal so viel, dass man auch noch bräunt. Ich bin nun mal kein Nachtschattengewächs, sondern eine Sonnenanbeterin. Außerdem möchte ich mir nicht von jedem Gesundheitstrend Angst einflößen lassen.

Und wenn’s mir allzu heiß wird, halte ich es mit dem Mohren (ja, ja, ich weiß, das darf man auch nicht mehr sagen) aus dem Struwwelpeter:

„Die Sonne schien ihm aufs Gehirn, da nahm er seinen Sonnenschirm.“

Advertisements

Ein Kommentar zu „Sonnenanbeterin

    Regine sagte:
    27. Juni 2014 um 4:16 pm

    Ob mit oder ohne Sonnecreme, ob blass oder braun – ich LIEBE den Sommer!! 🙂

Sei mutig - schreib was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s