Bauchgefühle im Freibad

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Freibad

Bauchgefühle im Freibad

Mein Schwimmstil ist erbärmlich. Ich kann weder kraulen, noch gelingt mir ein ordentliches Rückenschwimmen. Dafür habe ich Ausdauer! Letzten Sommer besuchte ich öfter das hiesige Freibad, allerdings nur, wenn die Außentemperatur mindestens 24 Grad betrug. In diesem Jahr wage ich mich auch bei geringeren Temperaturen ins Wasser.

Geht man immer um dieselbe Zeit ins Freibad, trifft man meist dieselben Leute an: die ausgezehrte Seniorin mit Gummibadekappe, die Kampfschwimmer mit Taucherbrille, Ohrstöpseln und durchtrainiertem Oberkörper, die kreischenden Zahnspangen-Trägerinnen, um die Gunst der Mädchen balzende Jungs – und das Walross. So habe ich einen Mann getauft, der einen extrem dicken Bauch hat. Dazu trägt er einen großen Schnauzbart und das verbliebene Haar in der Mitte gescheitelt. Allerdings schwimmt das Walross trotz seiner Behäbigkeit besser als ich.

Ich ziehe meine Bahnen brustschwimmend, den Kopf immer schön aus dem Wasser, damit meine Haare nicht unnötig nass werden und mir nichts in die Ohren läuft. Spätestens nach 50 Metern habe ich einen verkrampften Nacken, halte aber durch.

Heute habe ich schon 200 Meter geschafft. Die Bademeister stolzieren an der Längsseite des Beckens wie Pfaue. Sie tragen modische Badeshorts und stellen lässig ihre muskelbepackten, tätowierten Oberkörper zur Schau. Baywatch ist nichts dagegen. Waren Bademeister nicht früher Respektspersonen in Sandalen und weißer Kleidung, ausgestattet mit schrillen Trillerpfeifen?

Jetzt werden die Sprungbretter frei gegeben. Sofort erstürmt eine Horde pubertärer Jungs den Turm. Wo zu meiner Zeit der gepflegte Kopfsprung uns Mädchen beeindruckte, muss es heute die Arschbombe sein.
Etwa bei Meter 550 passiert es. Unvermittelt taucht das Walross direkt vor mir aus den Tiefen des Beckens auf. Es schnaubt und schnauft und sieht furchterregend aus mit seinem triefend nassem Haar und Schnauz. Vor Schreck weiche ich blitzartig nach rechts aus, nur um in den Aktionsradius eines Arschbomben-Königs zu geraten. Die Girlies am Beckenrand kreischen entzückt auf, als er sich – während des kurzen Moments in der Luft mit Armen und Beinen zappelnd – schließlich höchst unelegant ins Becken plumpsen lässt. Sein Aufprall ist allerdings von durchschlagender Kraft. Jeder, der sich zufällig in der Nähe befand, ist nun nass. Mein Haar ist nicht mehr zu retten.

Meter 600. Jetzt ist mir alles egal. Ich tauche meinen Kopf unter Wasser und öffne die Augen. Das hätte ich besser nicht getan. Denn nun sehe ich, was dem Kopf-über-Wasser-Schwimmer verborgen bleibt: Blätter, Holzstückchen, kleine Klumpen, die wie Kot aussehen. Vor mir treibt ein schleimiges Gebilde, das einer Qualle ähnelt. Das könnte die Rotze sein, die der Opa vorhin aus seiner Nase in die Überlaufrinne am Beckenrand entsorgt hat.

Nach 1000 Metern habe ich genug gesehen und getan. Ich verlasse das Becken und dusche ausgiebig. Nun kommt der schönste Teil der Unternehmung. Ich tue es den anderen Besuchern gleich, die ihr Revier mit ihrem Badetuch markiert haben, und besetze mein eigenes Handtuch. Der Geruch von Freibad liegt in der Luft, diese einzigartige Mischung aus Sonnenöl, Fritten, Pizza und Chlor. Hinter der Tarnung meiner dunklen Sonnenbrille beginnen meine Augen mit der Observation meiner Umgebung. An den meisten Körpern sind Tattoos zu besichtigen. Das klassische Arschgeweih scheint abgelöst von chinesischen Schriftzeichen, die sich um nicht immer wohlgeformte Beine ranken. Ganzkörpertattoos sind offensichtlich sehr in Mode. Auch Ganzkörperrasuren, das ist mir schon im Duschraum aufgefallen. Kein kräuseliges Achsel- oder Schamhaar ist zu entdecken. Bei mir allerdings auch nicht. Viele Freibadbesucher sind so verbrutzelt, dass sie jedem Brathähnchen Konkurrenz machen könnte. Ich stelle fest, dass das Walross beileibe nicht der einzige dicke Bauch ist. Überall tragen Männer stolz ihre Wölbungen spazieren. Die Frage, wie diese Menschen Geschlechtsverkehr haben können, beschäftigt mich. Sie müssten schon ein Geschlechtsteil von mindestens einem halben Meter Länge besitzen, damit er unter einem solchen Vorsprung hervorragen könnte. Ein Schwanz dieser Größenordnung wäre natürlich interessant, wenn nur der Rest nicht wäre. Tatsächlich weisen auch die Körper vieler jüngerer Männer bereits eine teigige Konsistenz auf. Man ahnt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Teig zu einer stattlichen Kugel aufgegangen ist.

Ich versuche, die vorübergehenden Männer in Punkto Schwanzgröße zu taxieren, aber man sieht wenig Erbauliches. Das mag an den Badehosen liegen. Ich lehne mich nach hinten und genieße die Sonnenstrahlen, die meinen Badeanzug schnell getrocknet haben. Während ich noch sinniere, warum Frauen sich wegen jedes noch so kleinen Fettpölsterchens schämen, wohingegen Männer mit wahrhaften Schwangerschaftsbäuchen sich völlig ungeniert gutaussehenden Frauen nähern, vernehme ich plötzlich neben mir eine Stimme. Ein junger Mann fragt: „Sind Sie öfter hier?“ Er lächelt mich freundlich-vielsagend an. Was für eine abgedroschene Art der Anmache, denke ich, aber er hat etwas Versautes im Blick und ist vor allen Dingen schlank. Mein Bauchgefühl rät mir, zurück zu lächeln. Man weiß ja nie!

Eine andere Schwimmbad-Geschichte gibt’s am 15.01. in LEO (+LOU) – Erotisches Tagebuch

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Ein Kommentar zu „Bauchgefühle im Freibad

    Regine sagte:
    3. Juni 2014 um 3:07 pm

    Echt, in „Leo“ gibt es eine Schwimmbad-Geschichte? Allerdings: Am 15.1.?
    Unabhängig davon: Ja, ja, im Schwimmbad kann man die Augen und die Gedanken schweifen lassen … nächstes Mal vielleicht dann aus dem FKK-Bereich?! smile

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